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Im April 1930 verließ Ferdinand Porsche nach
nur knapp einjähriger Tätigkeit als Chefkonstrukteur die
Steyr-Werke. Unter seiner Ägide war gerade noch der Prototyp des
Steyr Typ "Austria" - eine Großlimousine mit 8-Zylinder-Motor, 5,3
Liter Hubraum und 100 PS Leistung - entstanden. Der Wagen hatte zwar
auf dem Pariser Salon 1929 großes Aufsehen erregt, da aber "Steyr"
wie auch "Austro Daimler" nach den Bankenfusionen während der
Weltwirtschaftskrise von der selben Hausbank finanziert wurden,
wollte man eine ernsthafte Konkurrenz zum heimischen
Paradeunternehmen für Repräsentationsfahrzeuge vermeiden. Der Steyr
Typ "Austria" ging also nicht in Produktion und Porsche nach
Stuttgart.
Sein Nachfolger in der Position des
Chefkonstrukteurs wurde Ing. Karl Jenschke (geb. 31.3.1899 in Wien -
gest. 6.8.1969 in Tegernsee/Bayern). Jenschke war ein "Flugzeugnarrischer".
Gleich nach seiner kaufmännischen Lehrzeit in Wien verpflichtete er
sich 1917 als Feldpilot. Auch auf der Postfluglinie
Wien-Lemberg-Krakau wurde er eingesetzt. Am 22.10.1918 flog er die
Strecke Linz - Wr.Neustadt in der neuen Rekordzeit von 62 Minuten.
Sein technisches Studium in Mittweida / Sachsen schloß er mit dem
Diplom eines Maschinen-Ingenieurs ab. Nun entschloß er sich für den
Automobilbau und trat am 11.1.1922 als selbständiger Konstrukteur in
die Dienste der Steyr-Werke (seine ausführliche Lebensgeschichte ist
in AUSTRO CLASSIC 1/98 nachzulesen).
Nachdem dort im Herbst des Jahres 1929
vorerst jegliche Fahrzeugproduktion wegen der herrschenden Krise
eingestellt wurde, nahm man erst im Herbst 1930 die Herstellung mit
dem Steyr Typ 30 wieder auf. Den 30er hatte sich noch Porsche aus
den Fingern gesaugt. Mit der Übernahme des Chefsessels durch
Jenschke begann zwar auch eine neue wirtschaftliche Ära, aber in den
vier Jahren bis 1933 konnten wegen der geringen Kaufkraft der
Österreicher nur rund 5.000 Exmplare der unterschiedlichen
Variationen des Typ 30 hergestellt und verkauft werden.
Eine Handvoll österreichischer Großbetriebe
im Fahrzeugbau konnten von der Produktion nur einer Handvoll
Nobellimousinen nicht mehr leben. Austro Daimler etwa baute mit dem
Typ "ADR" nur mehr einen letzten PS-Riesen für die elitäre
Gesellschaft. Und der Steyr Typ "Austria" war ja schon tot bevor er
je gebaut wurde. Eine Modernisierung verlangte endlich den Sprung zu
einer automobilen Massenmotorisierung. Nur in einem
zweckentsprechenden, billigen, kleinen "Volkswagen" sah man den
Fortschritt. 1934 wurden Steyr, Autro Daimler und Puch fusioniert
und am 10. Mai 1935 als "Steyr-Daimler-Puch AG" ins Handelsregister
eingetragen. Damit war erstmals in Österreich ein koordiniertes
Vorgehen im Fahrzeugbau möglich, ein Umstand, der sich für die
Entwicklung des one-and-only, vulgo Idealauto, für weite
Bevölkerungsschichten positiv auswirkte.
Parallel zu diesen
unternehmensstrukturellen Änderungen und den wirtschaftlichen
Erfordernissen entwickelte Ing. Jenschke 1934 den Steyr Typ 100, der
schon viele Attribute eines Volkswagens besaß. Der Verkaufsprospekt
des 100ers zeigte die Veränderungen in der Produktionspolitik
ebenfalls unmißverständlich auf: "Der sparsame Wagen für die
wirtschaftlich schwache Zeit; der kleine Wagen mit den Vorzügen des
großen Automobils".
Der 100er war auch das erste
österreichische Auto in Serie, das (Spuren)Elemente der
Stromlinienform berücksichtigte. Und weil es so windschlüpfrig war,
wählte es der damalige österreichische Indiana Jones und
Paradeabenteurer Max Reisch für seine Gewalttour durch Osteuropa und
Asien bis an den Stillen Ozean.
Schon während der Konstruktion des
Steyr-Typ 100 dürfte sich Jenschke immer wieder mit der Idee zu
einem kleinen Volkswagen beschäftigt haben. Was ihm offenbar
vorschwebte, war eine Art "Smart" der 30er-Jahre. Gemeinsam mit dem
Motorenkonstrukteur bei Steyr, Oberingenieur Karl Wagner, arbeitete
Jenschke an einem leichten 2-Zylinder-Boxermotor für den Antrieb von
Segelflugzeugen. Daraus entstand die Vorstellung, einen flachen
4-Zylinder-Boxermotor aus Aluminium herzustellen, der sich wegen des
geringen Platzbedarfes bestens für einen Kleinwagen eignen würde.
Der Vorstand des Unternehmens war für einen Volkswagen leicht zu
begeistern, verfügte aber die Auflage, daß die Serienreife binnen 12
bis 14 Monaten erreicht werden müsse. Schon im Juli 1935
präsentierte der Chefkonstrukteur seine Ideen dazu der
österreichischen Regierung. Der dringendste politische Wunsch der
Zeit war, möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern.
Natürlich auch in den Steyr-Werken. Das sollte über einen geringen
Preis des Wagens bewerkstelligt werden, um dadurch möglichst hohe
Verkaufsziffern zu erzielen. Dieses Ziel war aber nicht leicht zu
erreichen, weil sowohl die Bevölkerungszahl (durch die jüdische
Auswanderungswelle) bereits auf 6,5 Mio gesunken als auch Österreich
von Zollmauern umgeben war, die einen nennenswerten Export
verhinderten. Von politischer Seite wurde der "Erfolgszwang" des
österreichischen Volkswagens im Inland schon im Jahr 1935
unterstützt: die KFZ-Steuer entfiel und die Prämien der
Haftpflichtversicherung wurden deutlich gesenkt. Außerdem hatten
zumindest rund 500 neue Mitarbeiter der Kleinwagenproduktion in
Steyr ihren Job zu verdanken.
Der Konstruktionsstab für den neuen
Steyr-Wagen bestand nur aus sechs bis sieben Leuten. Kaum daß eine
Zeichnung am Reißbrett fertig war, stürzten sich die Modelltischler
in ihre Arbeit. Begonnen wurde mit dem Entwurf des Typ 50 derart,
daß man vier Erwachsene samt Gepäck in einer Raumattrappe
unterbrachte. Viele Entwicklungsstadien wurden verworfen. Um etwa
die Wasserkühlung einzusparen, hatte Ing. Jenschke anfangs als
Antrieb den erwähnten luftgekühlten Zweizylindermotor vorgesehen,
bei dem auch im Getriebe und der Kupplung Vereinfachungen geplant
waren. Wegen der Leistung, des Komforts und des geringeren
Betriebsgeräusches wurde die Kraftquelle letztlich mit Wasserkühlung
auf Thermosyphon-Basis und mit vier Zylindern versehen. Besonders
von britischen Automobilzeitschriften wurde die geniale Kombination
von Motor und Kühler gelobt.
Die Kurbelwelle war dreifach gelagert (2
Gleit-, 1 Kugellager). Der Kosten wegen wurde der Motor auch nicht
aus Aluminium gegossen, sondern aus Grauguß. Das hatte auch den
Vorteil, daß er in den Steyr-Werken selbst hergestellt werden
konnte. Das höhere Gewicht des Motors führte auch zu einer besseren
Lastverteilung und Straßenlage des Wagens. Die Hinterachse war in
ihrem Erstentwurf ohne Differential, die Bremsen in ihrer Erstform
als reine Seilzugbremsen ausgeführt. Beide Visionen wurden
verworfen.
Der Aufbau des Wagens geriet sehr
fortschrittlich. Rahmen und Karosserie bildeten eine Art
selbsttragende Einheit. Dadurch wurde viel Gewicht gespart und das
Fahrzeug dennoch sehr stabil. Vor den beiden quer
übereinanderliegenden Blattfedern, die die vorderen Räder trugen,
lag der Motor. Darüber befanden sich Kühler und Lichtmaschine, die
gleichzeitig als Anlasser wirkte. Die Trennung ihrer beiden
Funktionen erfolgte durch elektrische Schaltung. Diese als "Dynastarter"
bezeichnete Konstruktion ist äußerst geräuscharm. Das Anlassen des
Motors ist kaum wahrzunehmen. Durch die Bauart benötigte die
Antriebstechnik des Autos nur wenig Platz in der Horizontalen und
begünstigte den Raum für Passagiere und Gepäck. Der kleine Hupfer
bietet eine Beinfreiheit im Sitzen, daß es eine wahre Freude ist.
Die Lehne der hinteren Sitzbank ist umlegbar und schafft so Zugang
zum ebenfalls großzügig bemessenen Gepäckraum. Die Konstruktion
führte aber zu einer hohen Motorhaube und Gürtellinie, was dem Wagen
optisch die später bekannte deutsche "Insekten-Note" verlieh. Das
Getriebe lag ebenfalls weit vorne und besaß einen Retour- und vier
Vorwärtsgänge, von denen zwei synchronisiert waren. Der
Verkaufsprospekt pries diese beiden als "geräuschlose Gänge". Die
Hinterachse war nun als Pendelachse gefertigt.
Im Februar 1936 wurde der neue Steyr Typ 50
im Rahmen der Int. Automobilausstellung in Berlin erstmals
öffentlich gezeigt und am 6. März 1936 unmittelbar vor der Wiener
Frühjahrsmesse offiziell der österreichischen Presse vorgestellt.
Die erging sich ob der hervorstechendsten Eigenschaften des Wagens
in wahren Lobeshymnen: "Die Türen sind äußerst breit und erlauben
einen wirklich bequemen Einstieg zu den Hintersitzen. Infolgedessen
sind die Fenster breit genug, um auch den hintensitzenden Fahrgästen
befriedigende Aussichtsmöglichkeiten zu bieten." Ganz so zufrieden
war die Kundschaft dann doch nicht, denn man findet kaum ein Steyr
"Baby", das nicht nachträglich noch zusätzliche hintere
Seitenfenster eingebaut bekam, zumeist mehr schlecht als recht. Ein
ganz tolles Detail war das "Steyr-Stahl-Schiebedach", das allen
Insassen einen weiten Blick in den Sonnenhimmel erlaubte. Die
Wölbung des Fahrzeugdaches war mit jener im Heck des Wagens
identisch, wodurch die gesamte Dachplatte in Führungsschienen
einfach nach hinten verschoben werden konnte. Genial. Es konnte auch
in jeder Stellung fixiert werden.
Die Höchstgeschwindigkeit der frühen
Rennsemmel lag bei knapp 90 km/h, weil das Getriebe eher auf die
Bergwelt Österreichs als auf die plane Welt bei Daytona Beach oder
mediterrane Autobahnen abgestimmt war.
Alpenländische Autotest der 1930er-Jahre
führten dabei immer auf den Katschberg. Keinem Wagen blieb diese
Prozedur erspart. Schaffte dieser die 32% Steigung nicht, so bestand
in der Alpenrepublik keine Verkaufschance, was die Schlußfolgerung
nahelegt, daß die Flachländer andauernd ins Gebirge düsten (Motto:
"Wenn die Berg' schon da sind, na dann...") oder Autos
ausschließlich an Bergbauern verkauft wurden. Der neue Steyr Typ 50
erklomm die steile Straße mit links. Um das Verhalten des Motors bei
unmittelbar wechselnden sehr hohen und sehr tiefen Temperaturen zu
testen, schickten die Steyr-Werke den neuen Kleinwagen kurzerhand in
die afrikanische Wüste. In nur 11 Tagen sollte der Wagen 6.000 km
zurücklegen. Am 2. Jänner 1936 startete in Steyr Ing. Ernst Rausch
und erreichte zwei Tage später den Hafen von Marseille. Nach der
Ausschiffung in Algier starteten die Tages- und Nachtexpeditionen in
das Atlasgebirge und die nahen Oasen am Rande der Sahara. Am 13.
Jänner kehrte Ing. Rausch samt Wagen nach Steyr zurück. Auf der
ganzen Fahrt gab es nicht die geringste Störung am Motor oder Wagen.
Ein anderer Qualitätsbeweis wurde auf der Strecke Steyr - Amstetten
erbracht. Monatelang plederte ein Testfahrzeug in "Hase und Igel
-Manier" zwischen den beiden Orten im Schichtbetrieb hin und her.
Bis der Kilometerzähler 80.000 zeigte.
Schon Anfang Dezember 1937 verließ der
5.000. Steyr Typ 50 das Werk. Das Auto verkaufte sich recht gut,
besonders an weibliche Fans. Der wirtschaftliche Erfolg wurde von
frühen Merchandising-Maßnahmen begleitet. Der Refrain eines
zeitgenössischen Radio-Hits etwa lautete: "Ich schenk Dir ein Baby,
ein Steyr-Baby...". In Motor-Zeitschriften gab es eine
Leserbrief-Seite für Bildzuschriften á la "Tanteundonkelundichundmeinsteyrbaby
auf der Turrach lächelnd". Dabei war dieses Baby alles andere als
günstig, obwohl behauptet wurde, daß der Wagen quasi zum
Selbstkostenpreis abgegeben werde: die Serienausführung in drei
Wahlfarben und mit Kunstlederinterieur kostete stolze S 4.500,-. Die
farbenfrohere Spezialausführung unterschied sich davon durch vordere
und hintere Stoßstangen, mehr verchromte Bauteile, anderer
Sitzpolsterung und einem zusätzlichen Kombiinstrument. Dieses Paket
verteuerte den Wagen auf S 5.000,- (jeweils "inkl. Wust- und
Krisensteuer"). In Deutschland betrug der Preis des Babys 2.950 RM.
Die Familienschleuder OPEL Kadett ohne Schnick-Schnack kostete
damals nur 1.800 RM.
Und am Horizont des Schreckens lauerte das
KDF-Wagen-Gespenst um kolportierte 1.000 RM. Aber den gab es ja noch
lange nicht und nie um 1.000 RM. Der neue Steyr war daher in
deutschen Landen kaum zu verkaufen.
Ab Februar 1938 wurde der stärkere Steyr
Typ 55 angeboten, der anstelle von 22 PS nun 25,5 PS Leistung bot.
Verbessert waren auch die hinteren Schwingachsen worden, die zuvor
tragende und antreibende Funktion hatten. Die Halbwellen lagen nun
in Rohren, die die tragende Rolle übernahmen. Der Verkaufsprospekt
sprach auch noch von einer vollendeteren Innenausstattung. Die wurde
von der zuvor angebotenen Spezialausführung übernommen.
Nach dem Anschluß Österreichs an das
Deutsche Reich erwartete man in Steyr einen leichteren Zugang zum
deutschen Markt. Aber bevor dort ein entsprechendes Vertriebs- und
Kundendienstnetz aufgebaut werden konnte, verlangten die
Kriegsplaner des Dritten Reiches die Einstellung der privaten
PKW-Produktion in Oberösterreich. Die KDF-Vision erlaubte keine
wirtschaftliche Konkurrenz. Von 1936 bis 1940 wurden etwa 13.000
Stück des Qualitätsautos Steyr Typ 50/55 hergestellt. Viele davon
sollten noch Jahre später beim Wiederaufbau Österreichs mithelfen.
Text: Kurt Parzer-Belmonte
Photos: Kurt Parzer-Belmonte, Franz Pulkert
Archiv Dr. Paul Jenschke

 

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